SPRECH-Nachrichten, 20. Februar 2026

Leitartikel: „Sprache sprechen. Sprich! Gesprochen – Spruch“

Am 21. Februar ist der internationale Tag der Muttersprache, der Sprache mit der wir aufgewachsen sind. Sie bleibt uns zeitlebens nahe.

Menschen wenden sich einander sprechend zu und gestalten so Beziehungen. Sprache ist die mütterliche und väterliche Zuwendung an Kinder, sie gehört zum Gerangel am Schulhof wie zum Zuhören bei Oma und Opa. Unsere Muttersprache hilft den Heranwachsenden, sich selbst als Subjekte zu behaupten und einen Platz in der Welt zu beanspruchen. Für viele von uns ist diese Muttersprache der Dialekt oder eine dialektal gefärbte Umgangssprache. Sie hat einen anderen Wortschatz als die Hochsprache, eine andere Lautung, oft eine andere Satzstellung, und meist auch eine andere Melodik, Rhythmik und Grammatik.

Das heißt, dass die Hochsprache unsere erste Fremdsprache wäre!? Man erlernt sie in der Schule ja hauptsächlich als die sogenannte „Schriftsprache“. Unsere Muttersprache ist eine gesprochene Sprache, die oft eine Mischung aus Dialekt und Soziolekt ist. In der Hochsprache zu sprechen, bleibt für viele peinlich, mühsam und oft ungewandt und linkisch. Ich erinnere an so manches steife Referat, an langweilige Gedichtrezitationen oder an die ersten Präsentationen.

Was unmittelbar aus tiefstem Herzen kommt, alles Emotionale drücken wir am besten und schnellsten in der Muttersprache aus. Strukturierter, konstruktiver und durchdachter sind wir üblicherweise in der Hochsprache. Demzufolge dürfen gefühlsvolle Ausdrücke, mit denen Sie Ihre Rede würzen, dialektal ausfallen – sie sind wahrhaftig und machen nahbar.

Jedoch: Flüssig, sicher und lautrein in der Hochsprache sprechen zu können verleiht im psychologischen Sinne Sicherheit. Man fühlt sich selbst und wirkt auf andere kompetenter, führungsstärker und überzeugender. Die Schriftsprache zur gesprochenen Sprache zu machen, ist erlernbar. Am besten von klein auf – Kindergarten, Schule, Uni, …

Ich wurde eingeladen, hier meine diesbezüglichen Gedanken zu einem Bildungsprojekt beizutragen https://campus-tivoli.at/bildungspakt/

Erlauben Sie mir an dieser Stelle, der aktuellen Diskussion mit den prominenten Latein-Unterstützer:innen etwas hinzuzufügen: Sie beklagen den Verlust der humanistischen Bildung durch die Reduzierung der Unterrichtsstunden in den gar nicht (!?) toten Sprachen Latein und Altgriechisch. Bei allem Verständnis für die Vorzüge der antiken Sprachen behaupte ich, dass es einem gebildeten Menschen besser anstünde, Deutsch eloquent sprechen zu können als eine ausgestorbene Sprache zu rezitieren. Einen geschliffenen Diskurs zu führen oder falsche Argumente auszuhebeln ist die feine Kunst der Gesprächsführung. Logik, Wortwahl, Argumentation und Struktur der gesprochenen, lebenden Sprache schulen einerseits den Geist und helfen andererseits in dieser Welt kritikfähig zurechtzukommen. In der Antike wie im Humanismus galten Rhetorik, Grammatik und Dialektik als die wichtigsten Künste, die für alle anderen Wissenschaften die Ohren zu öffnen vermögen.

Die freie Rede fordert Denkdisziplin, sprachliche Gewandtheit und eine glaubwürdige Sprechweise. Das kann erlernt werden. Je früher umso besser.

AHA-Sprechübung

Stellen Sie sich auf eine imaginäre Bühne, sprechen Sie einmal mit und einmal ohne Korken diesen Text. Versuchen Sie Pausen zu machen, lautrein zu sprechen, nichts zu vernuscheln und sinnvoll zu betonen, … und: haben Sie Freude daran!

Quintilian (35 – 96 n.Chr.) Über das Lehren

Von der Ausbildung des Redners, Kap. 1, Beginn

„Mit dem Lernen ist es wie mit einer bitteren Medizin; man nimmt sie leichter ein, wenn sie von freundlicher Hand verabreicht wird... Wie ein Vater soll sich der Lehrer seinen Schülern gegenüber fühlen. Er tritt ja an die Stelle derer, die ihm ihre Kinder anvertrauen, deshalb muss er versuchen, die Liebe der Schüler zu gewinnen. Auch lässt es sich gar nicht mit Worten ausdrücken, wieviel leichter wir denen folgen, die wir gern haben... Es muss ein Klima gegenseitiger Achtung und Zuneigung herrschen. Dann werden die Schüler gern und voller Elan zum Unterricht kommen. Sie werden es nicht als kränkend empfinden, wenn man sie verbessert, und sich freuen, wenn man sie lobt. Sie werden mit Eifer bei der Sache sein und es dem Lehrer danken, dass er sie in sein Herz geschlossen hat... Die Kinder sind schwach und wehrlos dem Unrecht ausgeliefert, daher darf niemand zu viele Rechte über sie eingeräumt bekommen.“

 

Sprechtrainerin Petra Maria Berger: "Darüber freuen wir uns." (Foto: www.weinfranz.at)

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